Der Abstimmungskampf um die «10-Millionen-Schweiz» der SVP hat ein neues Level an Hass in den sozialen Medien an den Tag gebracht. Was nach der Abstimmung übrig bleibt, ist die Frage: Wie reden wir in Zukunft in den sozialen Medien über Politik?
«Wieso wollen Sie die Schweiz zerstören?» Mit diesem Vorwurf wurde die Zürcher Nationalrätin Nicole Barandun während des Abstimmungskampfs zur «10-Millionen-Schweiz» auf der Social-Media-Plattform X (ehemals Twitter) konfrontiert. Der Kommentar stammte von einer Benimmtrainerin. Ist das nun also der neue Knigge in politischen Diskussionen?
«Ich habe die Debatte rund um die ‹Nachhaltigkeitsinitiative› als deutlich härter und aggressiver erlebt als frühere Abstimmungskämpfe – vor allem in den sozialen Medien», berichtet Barandun, die sich im Vorstand von Fairmedia engagiert. «Oft wird nicht auf Argumente eingegangen, sondern direkt die Person angegriffen, die eine Position vertritt.» Statt eines Austauschs von Argumenten würden häufig kurze, emotional aufgeladene Kommentare dominieren. Differenzierte Positionen hätten es schwer, überhaupt wahrgenommen zu werden.
Nicolas Haesler, Mediensprecher der SP Schweiz, spricht gar von Anzeichen einer politischen Verrohung. «Menschen ohne Schweizer Pass werden pauschal als Sündenböcke oder ‹Gesindel› hingestellt.» Die Übernahme Trumpistischer Stilmittel, wie die SVP sie pflegen würde – sprich: Polarisierung, Provokation und das bewusste Überschreiten von Grenzen – gefährde die Schweizer Debattenkultur.
Simone Rubin, Leiterin Kommunikation und Kampagnen von «Die Mitte» Schweiz, ergänzt: «Es sinkt die Bereitschaft, andere Positionen anzuhören und respektvoll zu diskutieren.» Zum einem ähnlichen Schluss kommt auch die Stiftung Pro Futuris. In einer Studie aus dem Jahr 2025 gaben mehr als ein Drittel der Befragten an, dass die ihnen unsympathischste Partei besser vom politischen Prozess ausgeschlossen werden sollte. Der politische Gegner wird damit nicht mehr nur als Andersdenkender wahrgenommen, sondern zunehmend als jemand, dessen Stimme man lieber gar nicht mehr hören möchte. Miteinander reden? Lieber nicht.
«Dich sollte man nach Afghanistan ausschaffen»
Die Folgen einer solchen Debattenkultur zeigen sich besonders deutlich bei Menschen, die sich politisch exponieren. Politiker:innen berichten zunehmend von persönlichen Angriffen, die weit über die eigentliche Sachdebatte hinausgehen. Barandun erzählt von aktuellen Kommentaren wie «Dümmlichkeit im Endstadium», «Landesverräterin» oder sogar «Dich sollte man nach Afghanistan ausschaffen». Als Frau begegne sie zudem spezifischen Formen der Herabsetzung: Bemerkungen über ihr Aussehen, sexistische Untertöne oder Aufforderungen, sich «lieber um anderes zu kümmern».
Dass dies Folgen haben kann, zeigt eine Studie der Universität Basel aus dem Jahr 2025. Die Forschenden untersuchten, wie häufig politisch aktive junge Frauen und Männer in der Schweiz auf Social-Media-Plattformen mit Anfeindungen konfrontiert sind und wie sich diese Erfahrungen auf ihre politischen Ambitionen auswirken.
Männer, so die Studie, sind genau so oft von Anfeindungen betroffen wie Frauen. Die Inhalte unterscheiden sich aber deutlich. Frauen sind wesentlich häufiger Ziel sexistischer oder sexualisierter Kommentare. Dies kann dazu führen, dass sie ihr Verhalten in den sozialen Medien anpassen oder sich sogar aus der Politik zurückziehen.
«Ja, dieser Ton beeinflusst mich. Ich überlege mir heute noch bewusster, was ich poste und in welche Diskussionen ich mich einlasse», bestätigt Barandun. «Nicht aus Angst, sondern weil ich meine Energie auf sachliche Debatten konzentrieren möchte.» Die von ihr geforderte Sachlichkeit hat es aus einem weiteren Grund schwer: Die Dynamik der Plattformen selbst.
Die Logik der Empörung
So beobachtete etwa die FDP Schweiz im Abstimmungskampf zur «10-Millionen-Schweiz» Profile, die nahezu rund um die Uhr aktiv zu sein schienen und immer wieder dieselben Botschaften verbreiteten. Ob es sich dabei um koordinierte Kampagnen, besonders engagierte Nutzer:innen oder automatisierte Accounts handelt, lässt sich oft nicht eindeutig feststellen. Auch fiel die Geschwindigkeit der Reaktionen auf. Teilweise dauerte es weniger als dreissig Sekunden, bis unter einem Beitrag ausführliche Kommentare erschienen. Einzelne Posts sammelten bis zu 800 Kommentare.
Rubin von «Die Mitte» weist zudem darauf hin, dass Algorithmen zugespitzte und emotionale Inhalte als relevant interpretieren und weiterverbreiten. Diese Beobachtung wird inzwischen auch wissenschaftlich gestützt. Eine 2025 veröffentlichte Studie von Forschenden der University of California ging der Frage nach, wie der Empfehlungsalgorithmus von X politische Inhalte auswählt und verbreitet. Dabei zeigte sich, dass der Algorithmus emotional aufgeladene und feindselige Inhalte über politische Gegner:innen systematisch stärker verbreitete.
Die Ergebnisse legen nahe, dass digitale Plattformen politische Polarisierung nicht einfach nur abbilden, sondern auch verstärken können. Für die politische Debatte bedeutet das: Wer Empörung auslöst, erhält oft mehr Aufmerksamkeit als jene, die differenziert argumentieren.
Nächster Härtetest steht bevor
Was bedeutet das nun aber für die kommenden Jahre? Denn bereits zeichnen sich die nächsten politischen Auseinandersetzungen ab – etwa die Bilateralen III, die viele der Konfliktlinien der Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» erneut aufgreifen dürfte: Migration, die Beziehung zur Europäischen Union, wirtschaftliche Interessen, nationale Souveränität und die Frage, wie sich die Schweiz in Zukunft positionieren soll.
«Ich befürchte, dass wir bei kommenden grossen Vorlagen wie den Bilateralen III mit einer ähnlichen, wenn nicht noch schärferen Tonlage rechnen müssen», sagt Barandun. «Persönlich betrübt mich das, weil Politik für mich vom respektvollen Streit um die beste Lösung lebt, nicht von Beschimpfungen.» Gerade deshalb will sie sich auch weiterhin für eine demokratische Auseinandersetzung einsetzen, die in der Sache klar, im Umgang jedoch respektvoll bleibt.
Für Haesler von der SP Schweiz reicht der Verweis auf individuelle Verantwortung nicht aus. Damit Debatten respektvoll bleiben, brauche es Plattformbetreiber, die konsequenter gegen Hass und Desinformation vorgehen. Auch «Die Mitte» sieht Plattformen stärker in der Verantwortung und fordert mehr Transparenz über Moderationsentscheide und Empfehlungen von Algorithmen.
Wie soll politische Debatte im digitalen Zeitalter aussehen?
Die Politik hat das Problem im Ansatz erkannt: Der Bundesrat hat einen Vorschlag gemacht, wie neue Regeln für grosse Kommunikationsplattformen und Suchmaschinen wie Facebook, X, TikTok oder Google aussehen könnten. Das geplante Bundesgesetz soll Nutzer:innen besser schützen und Plattformen stärker in die Verantwortung nehmen. Vorgesehen sind unter anderem einfachere Meldeverfahren für problematische Inhalte, mehr Transparenz bei Moderationsentscheiden und Beschwerdemöglichkeiten, wenn Beiträge gelöscht oder Konten gesperrt werden. Die Grundidee dahinter: Was für den öffentlichen Raum gilt, soll zumindest teilweise auch für digitale Räume gelten.
Kritiker:innen bemängeln allerdings, dass die Vorlage zentrale Fragen ausklammert. Auch Fairmedia hat im Rahmen des Vernehmlassungsverfahrens Nachbesserungen gefordert. Wie das neue Gesetz über Kommunikationsplattformen und Suchmaschinen am Ende aussehen wird, ist derzeit noch offen. Sicher scheint aber: Selbst die beste Regulierung wird nicht verhindern, dass Menschen Zielscheibe von Hass, Beschimpfungen oder Einschüchterungsversuchen werden. Nicole Barandun bringt es auf den Punkt: «Es braucht Unterstützung für Betroffene von massiven Anfeindungen – damit Menschen, die sich politisch engagieren, wissen: Sie stehen mit diesen Angriffen nicht alleine da.»
Genau hier setzt Fairmedia an. Mit einer neuen Beratungsstelle für Betroffene digitaler Gewalt schaffen wir ab Herbst 2026 ein Angebot für Menschen, die online angegriffen, bedroht oder systematisch herabgesetzt werden. Denn eine lebendige Demokratie braucht faire Regeln – auch in den sozialen Medien.
(Publiziert am 24.6.2026; Rebekka Salm)







