Der Fall von Christian Ulmen und Collien Fernandes rückt das Thema digitale Gewalt ins öffentliche Bewusstsein. Eine aktuelle Dunkelfeldstudie liefert Daten, wie verbreitet das Phänomen in Deutschland ist. In der Schweiz hingegen ist die Faktenlage dürftig.
Die Taten des deutschen Schauspielers Ulmen haben eine breite öffentliche Debatte ausgelöst. Seine Ex-Partnerin Collien Fernandes wirft ihm vor, sie über Jahre hinweg im Netz missbraucht zu haben – unter anderem durch gefälschte Profile und sexualisierte Inhalte in ihrem Namen. Sie spricht von «virtueller Vergewaltigung». Die Schwere der Vorwürfe hat viele erschüttert.
Für Ulmen gilt die Unschuldsvermutung. Die öffentliche Diskussion zeigt jedoch, wie unsicher der Umgang mit digitaler Gewalt oft ist. Im vorliegenden Fall handelt es sich um Identitätsmissbrauch und Missbrauch durch gefälschte pornografische Darstellungen («Deepfake-Pornografie»). Doch wo beginnt digitale Gewalt? Und wie können sich Betroffene dagegen wehren?
Beratungsstelle für digitale Gewalt
Der Verein Fairmedia setzt sich seit zehn Jahren für den Schutz von Persönlichkeitsrechten im medialen Raum ein. Derzeit baut er eine Beratungsstelle auf für Erwachsene in der Schweiz, die von digitaler Gewalt betroffen sind. Die neue Beratungsstelle geht ab Herbst 2026 in Betrieb und soll Betroffene niederschwellig unterstützen, mit schwierigen Situationen umzugehen.
Digitale Gewalt – so viel ist klar – findet in verschiedenen Varianten statt. Sie zeigt sich etwa im heimlichen Mitlesen von Textnachrichten, im Kontrollieren von Standortdaten, im Anfertigen und Verbreiten von sexualisierten Inhalten oder in Drohungen in den sozialen Medien. Um das Phänomen besser erfassen zu können, hat die deutsche Bundesregierung im Zeitraum zwischen Juli 2023 und Januar 2025 rund 15’000 Personen im Alter von 16 bis 85 Jahren zu ihren Erfahrungen, Einstellungen und Verhaltensweisen in verschiedenen Lebensbereichen befragt, insbesondere zu Partnerschaftsgewalt, sexualisierter Gewalt, Stalking und Gewalt im digitalen Raum.
Jung, weiblich, mit Migrationshintergrund
Die Zahlen der sogenannten Dunkelfeldstudie LiSuBiA machen sichtbar, was bislang nur vermutet werden konnte: Rund jede sechste Person hat in den letzten fünf Jahren digitale Gewalt erlebt. Dabei unterscheidet die Studie zwischen Gewaltformen, die ausschliesslich im digitalen Raum stattfinden – etwa das Offenlegen privater Daten (Doxxing) oder das Anfertigen und Publizieren gefälschter Nacktbilder – und solchen, die bestehende Gewalt ins Digitale erweitern: sexuelle Belästigung, psychische Gewalt oder Stalking.
Besonders häufig betroffen sind junge Menschen. Über 60 Prozent der 16- bis 17-jährigen Frauen und rund 33 Prozent der gleichaltrigen Männer waren in den letzten fünf Jahren Opfer digitaler Gewalt. Allgemein erleben Frauen diese deutlich häufiger und bewerten sie als belastender als Männer. Frauen mit Migrationshintergrund sind überdurchschnittlich stark betroffen.
Dennoch bleibt digitale Gewalt – wie andere Gewalterfahrungen auch – in den meisten Fällen unsichtbar. Nur ein Bruchteil der Betroffenen geht zur Polizei. Die Anzeigequoten liegen im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Gründe dafür gibt es viele: Unsicherheit darüber, ob das Erlebte überhaupt strafbar ist, Scham, Angst vor weiteren Übergriffen oder ein fehlendes Vertrauen in Behörden. Findet digitale Gewalt, wie im Fall Ulmen, in einer (Ex-)Partnerschaft statt, wird sie nicht selten als Beziehungskonflikt oder privates Problem verharmlost.
Und in der Schweiz?
Wie aber sieht die Situation für die Schweiz aus? Die kurze Antwort: Wir wissen erstaunlich wenig. Einzelne Studien zeigen – wenig überraschend –, dass digitale Gewalt auch hierzulande weit verbreitet ist. 2024 ergab eine Befragung der ZHAW unter Jugendlichen, dass fast zwei Drittel von ihnen in den vergangenen zwei Jahren Cybermobbing erfahren haben. Ein Jahr später zeigte eine weitere Befragung von Mitgliedern des nationalen Parlaments, dass 98 Prozent von ihnen Anfeindungen im Netz erleben – von Hasskommentaren bis zu Drohungen. Was fehlt, ist jedoch eine umfassende, repräsentative Dunkelfeldstudie für die Gesamtbevölkerung.
Verfügbar sind vor allem Zahlen aus der polizeilichen Kriminalstatistik. Sie bilden jedoch nur das sogenannte Hellfeld ab, also jene Fälle, die tatsächlich gemeldet werden. Gerade im Bereich digitaler Gewalt dürfte dieses besonders klein sein. Beat John, Leiter der Opferberatung beider Basel, bestätigt diese Vermutung: «Aktuell kommen nur wenige Menschen explizit wegen digitaler Gewalt zu uns. Das heisst aber nicht, dass sie nicht stattfindet. Viele Betroffene erkennen gar nicht, dass das, was sie im Netz erleben, Gewalt ist. Gerade in (ex-)partnerschaftlichen Beziehungen spielt sie eine grosse Rolle, davon sind wir überzeugt. Bisher haben wir in der Beratung jedoch kaum gezielt danach gefragt. Das ändert sich jetzt.»
Auf das Thema Cyberstalking angesprochen, erklärt John, dass sich die Beratenden der Opferberatungsstelle beider Basel aktuell mit dem Thema auseinandersetzen. In einem Workshop lernen sie, wie Handys überwacht werden können – etwa mit einem gemeinsamen Netflix-Account oder sogenannten Kinderschutz-Apps. «Es ist erstaunlich, wie viele Möglichkeiten es theoretisch gibt, unbemerkt ins Partner-Handy einzusteigen.»
Wichtig: Bewusstsein schaffen
Die Konsequenz liegt auf der Hand: Ohne verlässliche Daten bleibt ein grosser Teil des Problems unsichtbar – und damit auch politisch und gesellschaftlich schwer greifbar. Was nicht sichtbar ist, wird selten ernst genommen. Entsprechend fehlt es an Bewusstsein, an klaren Zuständigkeiten und an niederschwelligen Unterstützungsangeboten für Betroffene.
Dabei hat digitale Gewalt reale Auswirkungen: Menschen ziehen sich aus dem öffentlichen Raum zurück, Debatten werden einseitiger, und bestehende Ungleichheiten verstärken sich. Was als individuelles Problem erscheint, hat damit weitreichende gesellschaftliche Folgen für die Schweiz.
Erste politische Vorstösse gehen in die richtige Richtung. So fordert etwa die sogenannte Internet-Initiative von Initiant Guido Fluri stärkere Regeln für digitale Plattformen und mehr Schutz für Nutzer:innen. Sie will grosse Tech-Unternehmen stärker in die Verantwortung nehmen – etwa im Umgang mit schädlichen Inhalten oder beim Schutz persönlicher Daten.
Reden, reden, reden
Medienberichte über prominente Betroffene – etwa die bereits genannte deutsche Schauspielerin Collien Fernandes oder die Schweizer Finanzministerin Karin Keller-Sutter – helfen ebenfalls, ein Bewusstsein für das Thema zu schaffen, sagt Beat John. «Jede:r weiss, dass ein Faustschlag ins Gesicht oder ein sexueller Übergriff ein Straftatbestand ist. Dass aber auch Drohungen im Netz – etwa ‹Ich weiss, wo ich dich begraben kann› oder ‹Du wirst deine Kinder nie mehr sehen› – Gewalt sind und man sich dagegen wehren kann, wissen die wenigsten. Viele akzeptieren sie deshalb stillschweigend.»
Was also braucht es? John nennt zwei Punkte: Erstens klare und griffige Straftatbestände zur digitalen Gewalt – etwa im Bereich des Cyber-Groomings (Gezielte Ansprache von Erwachsenen gegenüber Kindern mit sexuellen Absichten), wo es noch Lücken gibt. Wenn Straftaten unter andere Delikte subsumiert werden, sind sie aus Sicht der Gesellschaft zu wenig präsent. Zweitens ein stärkeres Bewusstsein in der Bevölkerung. «Es darf nicht sein, dass digitale Gewalt als normal empfunden wird.»
Der Fall Ulmen macht sichtbar: Digitale Räume sind längst Teil unserer sozialen Wirklichkeit. Was dort geschieht, bleibt nicht folgenlos. Umso wichtiger ist es, genauer hinzuschauen, Verantwortung zu klären und Betroffenen niederschwellige Unterstützung zu bieten.
Und vor allem: Wir müssen über digitale Gewalt sprechen. So lange, bis alle wissen, was sie ist – und dass man sich dagegen wehren kann.
(Publiziert am 23.3.2026; Rebekka Salm)







