Eine mittels KI erstellte Seite gaukelt vor, News aus der Region Basel zu verbreiten. Recherchen von Fairmedia und «Prime News» zeigen, dass dahinter wohl eine internationale Fitness-Kette steht.
Was auf den ersten Blick wie ein echtes News-Medium aussieht, ist in Wirklichkeit eine Fake-Seite, die vorgibt, News aus der Region Basel zu verbreiten. Auf der Webseite basel-zeitung.com erscheinen täglich etwa 15 News-Artikel, welche aus seriösen News-Quellen kopiert werden.
So zum Beispiel ein Artikel über die Basler Herbstmesse oder über die Geschichte des Spalentors. Eine Kurz-Recherche zeigt: Diese Inhalte stammen von anderen Medien und wurden zweifelsohne mittels künstlicher Intelligenz (KI) generiert.
Die Bilder weisen eine typische KI-Optik auf und die Autorenbilder wirken wie aus einem Business-Katalog. 48 Autor:innen werden auf der Seite angegeben – damit wäre die «Basel Zeitung» das grösste redaktionelle News-Medium in der Nordwestschweiz. Dass es die Autoren in Wirklichkeit nicht gibt, darauf deutet beispielsweise auch die Kadenz der Veröffentlichungen der einzelnen Autoren hin.
Beim Generieren der News-Meldungen durch KI entstehen nicht selten inhaltliche Fehler. Dies hat zum Beispiel ein lokaler Bar-Betreiber bemerkt, über den die «Basel Zeitung» in einem Artikel Falschaussagen publizierte. Zuvor erschien ein Porträt über ihn im Basler Online-Medium «Prime News».
Dies kann schnell zu potenziellen Persönlichkeitsverletzungen oder anderen medienrechtlichen oder -ethischen Verletzungen führen. News-Seiten, die automatisiert Texte generieren und damit die Öffentlichkeit in die Irre führen, sind ein internationales Phänomen.
Die Plattform «Newsguard» aus den USA berichtete kürzlich von über 2000 solcher Seiten in 16 Sprachen, die sie mittels eines Monitorings fand. Häufig würden hinter solchen Fake-Seiten Desinformationskampagnen stecken, hat «Newsguard» analysiert. Zum Beispiel russische Propaganda.
Oft stecken auch wirtschaftliche Motive hinter KI-News-Webseiten, wie eine Recherche der «SonntagsZeitung» gerade aufdeckte.
Ein vertiefter Blick auf die «Basel Zeitung» zeigt keine Hinweise zu russischer Propaganda. Die Hinweise deuten in eine andere Richtung.
Anhand der offiziellen Angaben auf der Seite lässt sich der Urheber nicht bestimmen. Ein Impressum existiert nicht. Über die Domain und den Webhosting-Anbieter aus den USA findet man den Urheber ebenso wenig.
Identische Seiten in vier Städten
Einen Hinweis findet man jedoch unter den Hunderten Artikeln, die auf basel-zeitung.com erschienen. Während so gut wie alle Artikel einen Bezug zu einer News aus der Region aufweisen, gibt es auf der Seite 13 Artikel, die offensichtlich nicht von einer externen Quelle kopiert wurden.
Alle diese Artikel thematisieren die Eröffnung eines Fitness-Centers in Basel. Die erwähnte Fitness-Kette, die europaweit Clubs betreibt, hat jedoch nie einen Standort in Basel eröffnet. In der Schweiz gibt es nur in Genf einen Club von dem aus Grossbritannien stammenden Unternehmen.
Mit diesen Angaben haben Fairmedia und «Prime News» nach weiteren Fake-Seiten gesucht, die einen Zusammenhang mit der Fitness-Kette aufweisen. Und tatsächlich haben wir weitere Seiten gefunden mit einem identischen Aufbau und Layout: die «Bern News Today», «Cologne News Today» und «Valencia News Today».
Die Seiten funktionieren nach exakt demselben Schema und enthalten ebenso Artikel zu derselben europaweit tätigen Fitness-Kette – obwohl in allen drei Städten, wie in Basel, kein Fitness-Club dieser Kette existiert.
Fairmedia und «Prime News» haben die Fitness-Kette mit diesen Resultaten konfrontiert – ohne Resultat. Das Unternehmen antwortete nicht auf unsere E-Mails.
Experte ortet Performance-Marketing-Kampagne dahinter
Stattdessen ordnet der Professor für Marketing, Andreas Lanz, von der Universität Basel unsere Recherche ein. Er sagt: «Es ist möglich, dass es sich dabei um eine Performance-Marketing-Kampagne handelt, die Indizien weisen darauf hin.»
Das würde bedeuten, dass das Unternehmen darauf abzielt, die Auffindbarkeit ihrer Clubs auf Suchmaschinen und Large Language Models (LLM), wie zum Beispiel ChatGPT zu verbessern.
Wenn also jemand bei ChatGPT nach einem Fitness-Club in der Region sucht, könnte die erwähnte Kette weiter oben angezeigt werden, weil die KI denkt, dass der Fitness-Club relevant ist, da bereits einige Artikel über ihn erschienen sind.
Ob LLM tatsächlich nach diesem Mechanismus funktionieren, ist jedoch unklar. Lanz erklärt: «Es erschliesst sich mir nicht, ob das Generieren von Fake-Medienportalen mit darin versteckten Artikeln über die eigene Firma ein effektiver Weg ist, bei den LLM in die Informationsmasse zu gelangen.»
KI-basierte Sprachmodelle wie ChatGPT seien Stand heute noch eine «Blackbox», man wisse nicht genau, wie die Informationsmasse im Hintergrund gewichtet werde. Daher sei es auch möglich, dass es sich beim vorliegenden Fall um einen «Versuchsballon» handle, um zu schauen, ob der Markt darauf reagiere.
Offen bleibt auch die Frage, weshalb eine Fitness-Kette solche Anstrengungen unternimmt, wenn gar kein Fitness-Club in der jeweiligen Stadt existiert, also durch die Marketing-Aktion gar keine Kund:innen gewonnen werden.
Alle Artikel zur Fitness-Kette auf den vier Fake-Seiten stammen vom Oktober. Denkbar ist, dass die Eröffnung von Fitness-Clubs an diesen Standorten geplant ist – oder es handelt sich um ein reines Marketing-Experiment.
Fairmedia und «Prime News» konnten jedenfalls keine Hinweise auf eine Eröffnung der besagten Fitness-Marke in Basel finden.
«Ich kann das maximal als Guerilla-Aktion einstufen.»
Markus Lanz, Professor für Marketing
Klar ist: LLM verändern das Internet in rasantem Tempo. Obwohl der überwiegend grösste Teil des Traffic einer Webseite nach wie vor über Suchmaschinen generiert wird, steigt die Bedeutung von ChatGPT, Gemini und Co. für Marketing-Zwecke.
Heute ist es zum Beispiel anhand von LLM sehr einfach möglich, Produkte zu vergleichen. Das gilt natürlich auch für Fitness-Studios. Lanz meint, eine etablierte Firma würde die Optimierung der Suchresultate mittels einer Fake-KI-Seite jedoch nie in Betracht ziehen. «Ich kann das maximal als Guerilla-Aktion einstufen.»
(Publiziert am 10.11.2025; Gian Gaggiotti und Jeremias Schulthess)
Das Vorgaukeln journalistischer Arbeit ohne Impressum oder nähere Angaben zum Urheber verletzt nach schweizerischem Strafgesetz die Auskunftspflicht der Medien. Fairmedia prüft daher eine Anzeige gegen die Urheber der «Basel Zeitung».







