Auf Schweizer Plattformen mehren sich antisemitische und antimuslimische Kommentare. Viele haben direkten Bezug zur Situation im Nahen Osten. Dies zeigen Zahlen der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR) und des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG).
Es ist bekannt, dass auf grossen Social-Media-Plattformen häufig Hass-Kommentare kursieren. Doch dass in Leserkommentaren von Schweizer Online-Medien rassistische und potenziell strafbare Äusserungen erscheinen, erstaunt doch sehr.
Die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus (EKR) bietet eine Meldestelle für Online-Hassrede und dort werden regelmässig Leserkommentare von grossen Schweizer News-Medien gemeldet.
So waren beispielsweise im November letzten Jahres antisemitische Kommentare auf der Webseite des «Tages-Anzeiger» zu lesen: «Gott sieht alles und wird die Juden in naher Zukunft noch härter bestrafen als zuletzt im 2. Weltkrieg.» Im selben Leserkommentar steht, dass die Deutschen «Gaskammern in Israel aufstellen» müssten.
Der Leserkommentar blieb über zehn Stunden lang online. Und er war nicht der einzige: In einem weiteren Kommentar auf «tagesanzeiger.ch» wurde der Holocaust offen geleugnet und behauptet, die während des NS-Regimes ermordeten Jüdinnen und Juden hätten lediglich «sechs millionenfach ihre Namen geändert.»
Die EKR stuft solche Kommentare als strafrechtlich relevant ein und meldet diese den jeweiligen Staatsanwaltschaften der Kantone. Fairmedia konnte einige der Meldungen der EKR einsehen.
Wie ist es möglich, dass diese beiden Leserkommentare mit klar antisemitischem Inhalt auf «tagesanzeiger.ch» veröffentlicht wurden? Darauf geht die Medienstelle von Tamedia auf Anfrage von Fairmedia nicht konkret ein. Die Mediensprecherin nimmt allgemein Stellung und sagt, dass alle Kommentare manuell von Mitarbeitenden geprüft würden und «Fehler nicht ausgeschlossen werden» könnten. «Nicht jeder problematische Kommentar wird immer erkannt, auch wenn unsere internen Richtlinien klare Ausschlusskriterien definieren – etwa für rassistische, antisemitische oder anderweitig diskriminierende Inhalte.»
Es ist jedoch nicht das erste Mal, dass antisemitische Leserkommentare unter «tagesanzeiger.ch» erscheinen. «Klein-Report» berichtet von ähnlichen Vorfällen im Jahr 2020.
Zunahme antisemitischer Hassrede aufgrund Situation im Nahen Osten
Viele der Äusserungen weisen einen Bezug zu aktuellen geopolitischen Ereignissen auf. Giulia Reimann von der EKR erklärt: «Die meisten Meldungen antisemitischer Inhalte, die wir aktuell erhalten, haben einen Zusammenhang mit der Situation in Nahost.» Reimann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und zuständig für die Meldestelle für Online-Hassrede. Auf dieser können Beiträge gemeldet werden, die Hass gegen Menschen aufgrund ihrer Religion, Hautfarbe, Ethnie oder Herkunft beinhalten.
Im vergangenen Jahr gingen bei der Meldestelle der EKR insgesamt 302 Meldungen ein. Das entspricht einem Anstieg von 63 Prozent gegenüber dem Vorjahr (191 Meldungen). Die Tendenz setzt sich 2025 wohl fort: Das EKR verzeichnete bereits 464 Meldungen von Januar bis Juli. Diese sind jedoch noch nicht abschliessend ausgewertet. Reimann rechnet damit, dass die Zahl relevanter Meldungen ähnlich hoch sein wird wie im Vorjahr. «Wobei das natürlich immer schwierig einzuschätzen ist», fügt sie an.
Wo der Hass verbreitet wird
Wo wurden diese hasserfüllten Inhalte gefunden? Überraschenderweise stammen die meisten Meldungen, die beim EKR eingehen, nicht von Posts auf den Sozialen Medien, wie Facebook oder X, sondern von Kommentaren bei Online-Zeitungen. Diese wurden online publiziert, obwohl die News-Medien laut Pressekodex und geltendem Recht für die Inhalte in den Leserkommentaren Verantwortung tragen.
Dieselbe Tendenz spiegelt sich auch im Antisemitismus-Bericht des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) wider. Im vergangenen Jahr registrierte der SIG 300 antisemitische Vorfälle in Kommentarspalten von Online-Zeitungen. Einzig auf der Messenger-App Telegram wurden noch mehr Vorfälle gefunden – nämlich 890. Weil die Inhalte auf Telegram kaum zurückverfolgt werden können, ist die Plattform beliebt für die Verbreitung von problematischen Inhalten wie Hassrede und Desinformation.
Auch der SIG-Bericht stellt eine Verbindung zur politischen Lage im Nahen Osten her. So nehmen 28 Prozent der Inhalte direkten Bezug zu den dort laufenden Konflikten. Zahlreiche weitere weisen einen indirekten Zusammenhang auf.
Seit Anfang 2024 nutzt der Verband eine Suchsoftware, um antisemitische Inhalte im Netz zu erfassen. Diese werden anschliessend von Mitarbeitenden überprüft.
Antimuslimische Hassrede und Polarisierung
Nicht nur antisemitische Inhalte nehmen aufgrund des Nahost-Konflikts zu, auch die Zahl antimuslimischer Kommentare steigt in der Schweiz deutlich an. Im Jahr 2024 wurden auf der Meldeplattform der EKR sogar mehr antimuslimische Inhalte gemeldet als antisemitische. So werden in einem Online-Kommentar «Araber» als faul dargestellt, die Arbeiten als «Schwäche» erachten und die «neidisch auf das israelische Volk» seien. Es folgen noch einige äusserst vulgäre Beschimpfungen gegen Palästinenser und gegen «Araber» im Allgemeinen.
Darüber hinaus ist die Debatte um den Islam und Muslime hierzulande ein äusserst kontroverses Thema. So beobachtet auch Reimann vom EKR eine zunehmende Verschärfung des gesellschaftlichen Diskurses. Diese Beobachtung wird durch eine aktuelle Studie der Universität Freiburg zu antimuslimischem Rassismus in der Schweiz bestätigt: Demnach hegt mehr als ein Drittel der Bevölkerung starke Vorbehalte gegenüber Muslim:innen, während ein anderes Drittel negative Aussagen über diese Bevölkerungsgruppe klar ablehnt.
Diese aufgeladene Stimmung in der Schweiz kann von politischen Akteuren noch verschärft werden. So würden laut Reimann die Aussagen von gewissen Politiker:innen dazu führen, dass «rassistische Äusserungen normalisiert und banalisiert» werden. Umgekehrt können aber auch wohlwollende politische Statements gegenüber Muslim:innen Hasskommentare auslösen. So führte etwa ein Post auf X von Bundesrat Beat Jans zu einem muslimfeindlichen Shitstorm. Jans schrieb im März anlässlich der Feier zum Ende des Ramadans, dass «der Islam und Muslime» zur Schweiz gehören würden.
Gegenrede als wirksames Mittel
Wie lässt sich Hassrede im Internet wirksam bekämpfen? Eine wissenschaftliche Studie der ETH Zürich liefert dazu konkrete Hinweise. Im Rahmen des Projekts «Stop Hate Speech» haben Forschende untersucht, welche Arten von Gegenrede tatsächlich Wirkung zeigen. Das Resultat: Wer empathisch auf Hasskommentare reagiert, etwa indem auf das Leid betroffener Gruppen aufmerksam gemacht wird, kann das Verhalten der Verfasser:innen nachhaltig beeinflussen. Keine Wirkung hingegen zeigten Warnungen vor den Konsequenzen der Hassrede oder humorvolle Reaktionen. An der Studie nahmen 1350 Nutzer:innen auf der Plattform X teil.
Die Studie unterstreicht damit die Bedeutung gezielter Gegenrede für einen respektvollen digitalen Diskurs und was getan werden kann, damit Hass nicht unwidersprochen stehen bleibt. Gleichzeitig warnt allerdings der Projektleiter der Studie: «Wir haben sicherlich kein Allheilmittel gegen Hassrede im Internet gefunden.»
(Publiziert am 5.8.2025, Tobias König und Jeremias Schulthess)







